Großflächiger Stromausfall: Nur Stoff für Romane?

Da die Beratungen zum Thema „Sicherheit zuhause“ nicht zuletzt durch das Rauchmelder-Geschäft in der letzten Zeit stark zugenommen haben, möchten wir uns in loser Folge einmal tiefer mit der Materie „private Risikovorsorge“ beschäftigen. Zum Auftakt möchte ich am Beispiel eines tatsächlichen Ereignisses einmal aufzeigen, dass die Gefahr von gravierenden Störungen der gewohnten Infrastruktur nicht bloß Stoff für Romane wie „Blackout“ von Marc Elsberg oder theoretische Übungen der Behörden ist und unabhängig von Zeit und Ort jederzeit real werden kann.

Am 26. November 2005, dem Samstag vor dem ersten Advent, befand ich mich gerade auf dem Weg zu meinem Nachdienst auf unserer ASB-Rettungswache, als ich im Autoradio von einem großflächigen Stromausfall in Nordrhein-Westfalen hörte, der offensichtlich durch extreme Witterungsverhältnisse, Schnee und Eis, ausgelöst worden war. Ich wunderte mich ein bisschen darüber, schnell verfestigte sich aber die Erkenntnis, dass mich das Ganze nicht betrifft, war doch bei uns einigermaßen passables Wetter und NRW in Summe recht weit weg.

„Ahaus Reste des Schneechaos 12-2005“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

So begann der Dienst ganz normal, einige Einsätze waren bereits abgearbeitet, als auf der Wache ein Anruf für den Zugführer des Betreuungszuges einging, dessen Stellvertreter ich damals war. Also ging ich an den Apparat und erfuhr, dass das Land in den Kreisen eine Abfrage machte, wer Stromversorgungskapazitäten zur Verfügung stellen könnte. Und auf der entsprechenden Liste, die der Disponent dann heraus geholt hatte, standen auch wir darauf. Wir verfügten nämlich über einen 85 kVA-Stromerzeuger auf einem Tandemanhänger, der hauptsächlich mal für die Stromversorgung der Kühlzellen unserer Essen-auf-Rädern-Station beschafft worden war. Nun begann das grübeln: Die wollen und doch nicht wirklich nach dort schicken? Wen kann man da hinschicken? Wie lange wird das dauern? Aber der Disponent beruhigte mich – das wäre erst mal „pro forma“ – kein Grund zur Panik!

Keine zwei Stunden später dann aber ein erneuter Anruf: NRW hätte das umfangreiche Hilfsangebot aus Hessen angenommen, in zwei Stunden wäre Abfahrt für die Kräfte aus unserem Kreis an der Feuerwache 2 in Wiesbaden. Ui! Glücklicherweise konnte schnell ein Kollege für mich einspringen und ein weiterer Helfer war auch schnell gefunden, so dass wir den Stromerzeuger an unseren geländegängigen Mitsubishi-Pickup hängten und los fuhren. Noch immer war nicht genau klar, was wir da eigentlich sollten. Bei der Feuerwehr in Wiesbaden sammelte sich bald eine bunt gemischte Truppe aus BF Wiesbaden mit einem Großaggregat des lokalen Energieversorgers, THW, DRK mit einem Lichtmastfahrzeug und uns mit unserem Stromanhänger. Und diese setzte sich dann tatsächlich im Eilmarsch in Richtung Münsterland in Bewegung.

Im vorgesehenen Bereitstellungsraum, dem Institut der Feuerwehr in Münster, waren die Augen dann groß. Stand doch der ganze Hof voller unterschiedlicher Autos, Lichtmastfahrzeuge, Anhänger und so weiter von unterscheidlichsten Organisationen. Dann wurde gefrühstückt und eingeteilt, für uns ging es nach einigen Zwischenstationen, u.a. an einer Notunterkunft in Ochtrupp, wo vor allem alleinstehende alte Menschen und Bewohner von Altenheimen unter gekommen waren, in einen Ort namens Wettringen. Und dort wurde dann klar, um was es ging: Nicht um Krankenhäuser, Altenheime oder Pflegeeinrichtungen, die zu versorgen waren, sondern um Bauernhöfe und Abwasserhebeanlagen! Wir lernten, dass viele Rinderzuchbetriebe inwzischen so groß waren, dass eine melken mit der Hand nicht mehr vollumfänglich möglich war und die Kühe, an die maschinellen Melkanlagen gewöhnt, dass auch nicht tollerieren würden. Kühe nicht melken verursacht aber Schmerzen bei den Tieren und kann, aufgrund so genannter „Euterentzündungen“, auch tödlich sein. Und wir lernten auch, dass das Münsterland so flach ist, dass mancherorts Abwässer nur mittels elektrischer Hebeanlagen der Kanalisation zugeführt werden konnten.

Die Kräfte der örtlichen Feuerwehr, bei der wir einen Stützpunkt einrichteten, erzählten uns von allerlei weiteren Sorgen und Nöten: Der Stromausfall hatten teilweise bereits am Freitag begonnen. In Supermärkten gab es seitdem (also inzwischen 24 Stunden und länger) keine funktionierende Kühlung mehr, Registerkassen und automatische Türen funktionierten nicht mehr. Geldautomaten spuckten kein Bargeld aus, Kraftstoffpumpen an Tankstellen gingen nicht mehr, die privaten Kühlschränke und Elektroherde waren ohne Strom, Heizungspumpen und elektrische Heizungen hatten den Dienst eingestellt. Es gab keine Straßenbeleuchtung, keine Ampelregelung an Kreuzungen und auch die Kommunikationsnetze waren größtenteils zusammen gebrochen. Die Dauer der Einschränkungen war nicht bekannt, so dass sich viele Betroffene, die nicht über Alternativen zur stromabhängigen Heizung und der Essenszubereitung per Elektroherd verfügten bald Gedanken machten zu Bekannten oder Verwandten in nicht betroffene Gegenden zu fahren.

„Ochtrupfwvbbn“ von Der Sascha - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ochtrupfwvbbn.jpg#mediaviewer/File:Ochtrupfwvbbn.jpg

„Feuerwehreinheiten auf dem Weg nach Ochtrup“ von Der Sascha – Eigenes Werk Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Unser erster Einsatz führte uns mit dem Geländewagen und dem relativ kleinen Hänger in den Außenbereich eines nahen Ortes. Dort sollte der Anschluss an eine Abwasserhebeanlage erfolgen. Vor Ort fanden wir einen Anschlussschrank vor, aber keinen, der uns einweisen konnte, und auch keinen vorgesehenen Einspeisepunkt. Der später eintreffende Mitarbeiter der Stadtwerke, erklärte uns, dass solche Einrichtungen nicht vorhanden waren und der Anschluss durch direkte Verdrahtung des Aggregates mit der Anlage zu erfolgen hätte. Somit wurde ein weiteres Problem klar: Das konnten wir nicht! Wir waren keine Elektriker, konnten die entsprechende Anlage nicht beurteilen und wussten auch nicht, wie man das dann an unser Aggregat anschließen hätte sollen. Und entsprechendes Werkzeug, gar Messgeräte, hatten wir gleich gar nicht. Also erfolgt eine entsprechende Rückmeldung an die Einsatzleitung und wir reisten weiter.

Der zweite Einsatz war dann ein Bauernhof. Dort gab es eine Einspeisung bzw. die Melkmaschine konnte direkt über ein Drehstromkabel von unserem Aggregat versorgt werden. Die Melkaktion dauert einige Zeit, und noch einige weitere Einsätze auf Bauernhöfen sollten folgen. Teilweise waren die Bauern heilfroh als wir endlich eintrafen. Einige Kühe schrien bereits vor Schmerzen, da ihre Euter bereits seit vielen Stunden prall gefüllt waren. Ein Bauer hatte bereits kontakt mit dem örtlichem Metzger aufgenommen, um notfalls die Kühe schlachten zu können. Mangels funktionierender Kühlung hätte er das Fleisch wahrscheinlich nicht verkaufen können. Seine Existenz stand auf dem Spiel!

Am Sonntagabend erfolgte dann unsere Ablösung durch andere Helfer. Seitdem ist mir klar:

  • Großflächige Stromausfälle bedeuten bereits innerhalb sehr kurzer Zeit gravierende Einschränkungen des öffentlichen Lebens.
  • Die Nahrungsmittelversorgung ist schnell gefährdet. Dort, wo noch verkauft werden kann, wird es schnell zu Hamsterkäufen kommen.
  • Wer kein Bargeld vorhält sondern ausschließlich mit Karte „lebt“ hat unmittelbar nicht mehr die Möglichkeit, irgendwas zu bezahlen.
  • Neben den vordergründigen, stromabhängigen Dingen wie Licht, Waschmaschine und Herd können auch schnell die Wasserver- und Entsorgung und die Heizung ausfallen.
  • Notrufe über Handy, das Festnetz oder feste Gefahrenmeldeanlagen (Brand- und Einbruchmeldeanlagen) sind nach einiger Zeit nicht mehr möglich.
  • Dunkelheit und eine gewisse „Unordnung“ rufen zwielichtige Gestalten auf den Plan, die aus der Situation Profit schlagen wollen.
  • Ist keine Hilfe von außen greifbar, sind die örtlichen Gefahrenabwehrbehörden mit einer solchen Situation regelmäßig überfordert.

In einem nächsten Beitrag werden wir Ihnen die grundlegenden Anforderungen an die Sicherheit in den eigenen vier Wänden näher bringen. In der Folge wird es dann um die persönliche Notfallvorsorge für den Tag außer Haus, die Themen Notvorrat und Fluchtgepäck sowie das individuelle „Gefahrenradar“ gehen.